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60 Jahre Schienenbus im Hönnetal - ein Rückblick

Geschichten zum Schienenbus finden Sie ab sofort hier

"Und im übrigen meinen wir, wir müssen einen Triebwagen haben" (frei nach Cato)

Können Sie sich das vorstellen? Schülerinnen und Schüler demonstrieren für ein Eisenbahnfahrzeug? Das hat es aber tatsächlich gegeben. Am 29. Mai 1954 gingen rd. 200 Fahrschüler der Hönnetalbahn „auf die Straße“. Am Mendener Bahnhof forderten sie: “Wir wollen Triebwagen“. Ähnliches wie der frei nach Cato formulierte Spruch "Und im übrigen meinen wir, wir müssen einen Triebwagen haben" stand auch auf Handzetteln, die kurz darauf verteilt wurden.  Gegenstand der Forderungen waren die damals nagelneuen Schienenbusse. Diese verkehrten nämlich bereits seit einigen Wochen schon zwischen Unna, Fröndenberg, Menden, Iserlohn und Letmathe. Aber sie fuhren noch nicht im Hönnetal. Es sollte dann aber auch nicht mehr lange dauern, denn der Einsatz der Triebwagen im Hönnetal war bei der Bundesbahndirektion in Wuppertal längst beschlossene Sache. Noch im gleichen Jahr gingen schon einige Fahrten Richtung Neuenrade auf Schienenbusse über, ab 1955 war die Hönnetalbahn dann bis auf wenige Fahrten frei von den alten Dampfzügen (zumindest im Personenverkehr).

Und das sollte so bleiben bis zum 02. Juni 1984. Nur morgens und mittags kam weiterhin noch ein großer Zug mit Lok und Wagen als Schülerzug auf die Strecke.

1954 begann es mit dem einmotorigen VT 95 (später 795), der bei Bedarf einen kleinen Beiwagen mitschleppte und so rund 80 Fahrgästen Platz bot. Ab 1955 kamen dann die zweimotorigen VT 98 (später 798), die mit Bei- und Steuerwagen mehr Platz boten und auf den steigungsreichen Strecken des Sauerlandes bedeutend besser zurecht kamen.. Einige der Fahrzeuge, die 1955 nagelneu zum Bahnbetriebswerk in Bestwig kamen, blieben bis 1984 der Hönnetalbahn erhalten, so der 798 516.

Foto: Stolz präsentieren sich in Neuenrade Fahrdienstleiter Gustav Dickel und die Zugbegleiter Schuhmacher und Kroll in Neuenrade vor einem nagelneuen VT 95. Das Bild muss im Winter 1955 entstanden sein. Dem Schienenbus fehlt noch das dritte Spitzenlicht am Dach.

28 Jahre später nahm J. Schwalke den stärkeren VT 98 als dreiteilige Garnitur bei Balve auf.

Moderner Nahverkehr auf der Schiene - mit dem Schienenbus!

Die Schienenbusse waren damals im Bereich des Nahverkehrs mit das modernste, was die damalige Bundesbahn aufzubieten hatte. Die schicke rote Farbe, die Rundumsicht mit Blick über die Schultern des Triebwagenfahrers auf die Strecke, die gepolsterten Sitze, die nach Fahrtrichtung umklappbar waren… - das war alles gegenüber den alten (Behelfs-) Personenwagen mit ihren Holzsitzen der letzte Schrei!

Schienenbus in Garbeck, Februar 1983

Auch insgesamt war die Konzeption der Schienenbusse einfach wie genial. Im Wesentlichen basierten diese Fahrzeuge auf der Plattform von Straßenbussen. So waren die eingebauten Büssing-Motoren samt Getrieben auch in den damaligen Straßenomnibussen zu finden. Ebenso war die weitgehende Verwendung von Aluminium, die eine leichte Bauweise ermöglichte, für Eisenbahnfahrzeuge in dieser Größenordnung Neuland.

Entwickelt wurden die Fahrzeuge von der Waggonfabrik Uerdingen, die den Bau der Fahrzeuge auch in Lizenz erlaubte. Der Uerdinger Schienenbus wurde ab 1950 zu einem der erfolgreichsten Schienenfahrzeuge innerhalb und außerhalb Deutschlands. Fast 1.000 Stück fuhren im In- und Ausland und damit längst nicht nur für die Bundesbahn. Selbst in Spanien und Kroatien kamen bzw. kommen die „Brummer“ (sie waren ja nur in Deutschland klassisch rot) zum Einsatz. Später waren sie auch als Gebrauchtfahrzeuge in der Türkei oder im Libanon.

Der Vorteil lag aber nicht nur im - für die 50-er Jahre hohen - Komfort. Für die Bundesbahn war das Fahrzeug eine Möglichkeit, den Betrieb auf wenig rentablen Strecken rationeller zu gestalten. Ein Schienenbus war wesentlich wartungsärmer und leichter zu bedienen, als eine Dampflok. Außerdem war er wendiger, konnte schneller halten und anfahren. Neue Haltepunkte wurden so möglich. Im Hönnetal waren das Menden-Süd und Volkringhausen, an der Strecke nach Iserlohn (der Begriff Oesetalbahn existiert erst seit 2010!) waren die Haltepunkte Am Obsthof, Höcklingsen, Bräuckerstraße, Hemer Amt und Buchenwäldchen dem Schienenbus zu verdanken.

Oben Bahnhof Lendringsen um 1972 vor dem Umbau - Links noch zu erkennen ist das Aborthaus.

Links: Schienenbus im März 1974 in Lendringsen. Damals liefen die Motorwagen noch Richtung Neuenrade. Links ist das im Bau befindliche Hochregallager der Fa. Bettermann zu sehen.(EFH-Archiv)

 

Traumfahrzeug Schienenbus!?

Der Schienenbus - ein Traumfahrzeug? So ganz ohne Macken war er dann doch nicht. Das Platzangebot reichte gerade beim kleinen VT 95 oft nicht aus, man konnte nicht von Wagen zu Wagen gehen, die Lüftung durch die kleinen Oberlichter in den Fenstern war zu gering, so dass es im Fahrzeug im Sommer unangenehm heiß werden konnte. Im Winter kam die Webasto-Heizung oft nicht mit usw. Technisch war er zwar robust, aber auch nicht von ohne.

Man darf ja auch nicht vergessen, dass die Schienenbusse eigentlich nur für einen Einsatzzeitraum von 15 Jahren geplant waren. Dass es dann im Hönnetal 30, andernorts sogar fast 45 Jahre wurden, ist eine Folge bundesdeutscher Verkehrspolitik. 1974 kamen zwar erste Prototypen des Nachfolgezuges der Baureihe 628. Die Serienfertigung begann aber erst 1986/87 und im Hönnetal hielten die neuen Fahrzeuge erst 1994 Einzug. Da galten sie schon als veraltet.

Die unerwartet lange Einsatzzeit der Schienenbusse machte die Schienenbusse zwar zum Sinnbild deutscher Nebenbahnromantik, doch diese Romantik hatte auch negativen Seiten. Wer wollte schon in den 80-er oder sogar noch 90-er Jahren mit einem Zug aus Adenauers Zeiten zur Arbeit oder Schule fahren? So vergraulte der einstige Retter der Nebenbahn zunehmend die Fahrgäste.

Doch sobald die Schienenbusse verschwunden waren, kam die Wehmut, mit der man auf die Einsatzzeit dieser Fahrzeuge zurückblickte. So schlecht war der Schienenbus dann doch nicht - im Gegenteil. Viele kleine Details, wie der Blick über des Lokführers Schulter auf die Strecke oder die in Fahrtrichtung klappbaren Sitze, finden sich in keinem anderen Fahrzeug. Der Schienenbus vertritt eine vergangene Zeit. Eine Zeit der Bodenständigkeit, in der Hektik zwar nicht unbekannt, aber auch nicht lebensbestimmend war. Der Schienenbus war so wie ein Großteil der von ihm befahrenen Strecken zuletzt ein Synonym einer gewissen Gemütlichkeit, ja einer als nicht negativ empfundenen Rückständigkeit.

Vor allem aber ist der Schienenbus für viele seiner Fahrgäste ein Teil ihres Lebens geworden. Das gilt besonders für das Hönnetal. Generationen von Fahrschülern aus Neuenrade, Garbeck oder Balve sind mit ihm zur Schule, zum Sport zu Freunden gefahren. Pendler nutzten den ersten Schienenbus des Tages zur Fahrt zur Arbeit nach Menden, Fröndenberg oder ins Ruhrgebiet. Kein Klassenausflug ins Hönnetal, sei es nach Klusenstein, Binolen oder nach Neuenrade zum Kohlberg ohne den Schienenbus. Oder die Fahrt mit den Eltern oder den Großeltern mit der Hönnetalbahn - einfach nur so. Der Schienenbus war immer dabei. Von weitem war das Brummen der Büssingmotoren zu hören oder die Hupe vor unbeschrankten Bahnübergängen. Im Schienenbus selbst umfing den Fahrgast ein ganz besonderes Flair. Die Enge zwang zum Zusammenrücken. Ungezählte Bekanntschaften, Freundschaften, sogar Ehen weit über die Ortsgrenzen hinaus entstanden.

Sympathieträger Schienenbus

Diese Eindrücke und Erinnerungen machten den Schienenbus aus und das war der Antrieb ihn zurück ins Hönnetal zu holen. Die 1985 gegründeten Eisenbahnfreunde Hönnetal e.V. machten 1989 den Anfang mit einem VT 95 der Hammer Eisenbahnfreunde. In den folgenden Jahren mieteten sie für Fahrten ab und nach Menden immer wieder Schienenbusse von der DB an. 1995 gründete sich dann aus den EFH heraus der Förderverein Schienenbus e.V. Menden und erwarb eine vierteilige Schienenbusgarnitur von der DB und einem Privatunternehmen. Die Fahrzeuge wurden in ungezählten Stunden renoviert und fahrbereit gemacht. Bis heute haben die Schienenbusse mehr als 400 Fahrten mit mehr als 15.000 km Laufleistung absolviert. Die Hönnetalbahn ist dabei ein besonderer Schwerpunkt. Allein die seit 2002 regelmäßig angebotenen Ausflugsfahrten "Zauberhaftes Hönnetal", die in Unna und Dortmund starten wurden von mehr als 5.000 begeisterten Fahrgästen gebucht.

Der Schienenbus ist heute wieder ein Sympathieträger. Er verherrlicht nicht die Vergangenheit, sondern ist vor allem auch eine positive Werbung für die Hönnetalbahn von heute.

Freuen wir uns noch auf viele schöne Fahrten mit dem Schienenbus!

J. Schmoll

 

Einige Fakten zum Schienenbuseinsatz im Raum Menden

Als diese VT 98-Garnitur im Jahr 1959 in Westig hielt, gehörte sie noch zum Bw Letmathe. Im Vordergrund sind noch die Masten der Iserlohner Kreisbahn zu sehen. (Archiv Zellerer, zum Vergrößern anklicken!)

Die ersten Schienenbusse im Raum Menden wurden auf der Strecke von Unna über Fröndenberg, Menden, Hemer, Iserlohn nach Letmathe eingesetzt. Dazu erhielt das Bahnbetriebswerk Hagen-Eckesey im Mai 1954 die einmotorigen VT 95 470 bis 473 fabrikneu angeliefert. Die Fahrzeuge wurden im September komplett ins benachbarte Letmathe umstationiert, das die Unterhaltung von VT 95 und ab 1955 auch VT 98 für die Strecken Unna - Letmathe und Menden - Neuenrade übernahm. Ab November 1960 war dann nur noch das Bahnbetriebswerk Bestwig für die Schienenbusse auf den Nebenstrecken rund um Menden / Fröndenberg zuständig, das Bw Letmathe hatte zu diesem Zeitpunkt alle Schienenbusse abgegeben. Ab da muss auch der Einsatz der VT 95 auf diesen Strecken schon wieder zu Ende gewesen sein, da Bestwig nur VT 98 besaß. Durchschnittlich kamen die Schienenbusse auf 374 km pro Tag, was einer recht umfangreichen Laufleistung entspricht. Der Abschnitt Unna - Fröndenberg und Menden - Iserlohn sah im Personenverkehr zeitweise ausschließlich Schienenbusse!

Mit der Stilllegung der Nebenbahnen Wennemen - Finnentrop und Paderborn - Brilon Wald, reduzierte sich das Einsatzgebiet der Bestwiger Schienenbusse mit Ausnahme einiger weniger Leistungen auf der Oberen Ruhrtalbahn ab 1974 auf die Hönnetalbahn und ihre Nachbarbahnen.

1982 wurde das Bw Bestwig dem Bw Hagen 1 angegliedert. An den Einsätzen der Schienenbusse änderte sich zunächst wenig. Ab 1983 wurden einige Schienenbusleistungen zwischen Unna und Letmathe bereits von Wendezügen mit Dieselloks der Baureihe 212 übernommen.

Am 02. Juni 1984 endete der Einsatz der Schienenbusse im Hönnetal. Als N 6467/68 verkehrte 798 774 mit seinem Steuerwagen 998 901 von Fröndenberg nach Neuenrade und zurück. Gleichzeitig machte 798 766 als N 6126 die letzte Schienenbusfahrt auf der Strecke Unna - Menden - Iserlohn - Letmathe.

 

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